Siebter Wochenbericht

Datum Tätigkeiten Arbeitsgruppe etc. Legphase/Bemerkungen
Fr. 20.09. Eisarbeit Bohrkerne
Tagesbriefing/Vorträge
Damms
Fahrtleitung
Eisarbeit
Sa. 21.09. Eisarbeit Bohrkerne Ridge
Tagesbriefing/Vorträge
Damms
Fahrtleitung
Eisarbeit
So. 22.09. Eisarbeit Bohrkerne Ridge
Eisarbeit Bohrkerne Transekte
Mikroskopieren/Fotographieren Plankton, Eisalgen
Sicherheitsdienst Beobachtung Eiscamp
Tagesbriefing/Vorträge
Damms
Fahrtleitung
HHG
Fahrtleitung
Fahrtleitung
Transektarbeit/MASMA Tauchteam
Mo. 23.09. Eisarbeit Bohrkerne Transekte
Tagesbriefing/Vorträge
Fahrtleitung
Fahrtleitung
Transektarbeit Tauchteam
Di. 24.09. Teilnahme an Koordinationsmeeting Forschungsgruppen
Mikroskopieren/Fotographieren Lebensgemeinschaft Eisbohrkerne
Sicherheitsdienst Brücke
Mithilfe Nachttauchgänge (Transektarbeit)
Fahrtleitung
HHG
Fahrtleitung
Freier
Transektarbeit Tauchteam, eine Krabbenfresserrobbe am Tauchloch
Mi. 25.09. Computerarbeit: Logo Competition
Tagesbriefing/Vorträge
Fahrtleitung
Fahrtleitung
Vorstellung der Vorschläge für das offizielle Fahrtlogo
Do. 26.09. Eisarbeit: Transektleinen
Computerarbeit: Wochenbericht
Tagesbriefing/Vorträge
Freier
HHG
Fahrtleitung
Transektarbeit, MASMA Tauchteam
Fr. 27.09. Computerarbeit: Wochenbericht beendet
Eisarbeit: Unterstützung Taucheinsatz
Eisarbeit: Beginn Abbau Eiscamp II
Tagesbriefing/Vorträge
HHG
Freier
Fahrtleitung
Fahrtleitung
Ende Taucheinsätze
Sa. 28.09. Eisarbeit: Eisbohrkerne Transekte
Mikroskopieren/Fotographieren Eislebensgemeinschaft
Sicherheitsdienst Brücke
Tagesbriefing/Vorträge
Meyer
Meyer/HHG
Fahrtleitung
Fahrtleitung
Ende Eisarbeiten
Abbau Eiscamp II

Die zweite Scholle hat sich als hervorragender Standort für das zweite Eiscamp erwiesen. Sie weist sowohl unter als auch über dem Eis eine hohe Heterogenität auf und ist darüber hinaus stabiler als die erste Scholle, so dass sie von den verschiedenen Forschungsteams intensiv untersucht werden konnte. Die Arbeiten sind jetzt beendet, die meisten Proben und Ergebnisse sind gesichert und ich möchte etwas näher auf die zurückliegende Arbeit im Eiscamp eingehen.

Sie begann mit der Erkundung der Eisscholle durch ein Sicherheitsteam, wobei mit Stangen die Stabilität wie von einem Lawinensuchtrupp getestet wurde. Anschließend zogen die Eisphysiker einen Schlitten mit einem Messgerät über das Gebiet, das zum Betreten der Scholle freigegeben werden sollte. Dieses Gerät sendet elektromagnetische Wellen aus, die an der Grenzfläche zwischen Meereis und Meerwasser ein elektrisches Feld induzieren. Anhand des elektrischen Feldes wird dann die Dicke des Eises errechnet. Anschließend wurde das untersuchte Gebiet mit Flaggen gekennzeichnet. Mit Flaggen wurde auch der sogenannte „Highway“ abgesteckt. Das ist die Versorgungsstrecke zwischen Polarstern und dem Eiscamp. Diese Ausflaggung ist extrem wichtig, da die Sicht auf der Scholle innerhalb weniger Minuten durch Schnee, Wind und Nebel auf nahezu Null sinken kann. Ganz extrem ist ein sogenannter Whiteout, bei dem keine Konturen mehr erkannt und auch die Trennung zwischen Eis und Horizont nicht mehr wahrgenommen werden kann. In einer solchen Situation sind die Flaggen die einzige Orientierungsmöglichkeit auf dem Eis. Bei Whiteout wird die Eisarbeit sofort eingestellt und die Scholle bis zur Besserung der Sichtverhältnisse gesperrt.

Nach Sicherung und Ausflaggung wurde mit Hubschrauber und Skidoos das Material zur Errichtung des Eiscamps hinaustransportiert. Eine Schlüsselrolle nahmen dabei die Zelte ein, die Mensch und Material vor Wind, Schnee und niedrigen Temperaturen schützen. Ohne sie wäre ein längerer Arbeitseinsatz auf dem Eis, wie er für die Tauchuntersuchungen und den Observation durch das ROV erforderlich war, unmöglich. Da gibt es das große DOMO Tent, das über dem Tauchloch aufgebaut wurde. Das Tauchloch wurde zuvor mit einem Kettenfahrzeug (Digger) gebohrt. Das Domo Tent ist elektrifiziert und beleuchtet und ermöglicht einen Taucheinsatz bei Tag und bei Nacht. Den Strom liefert ein benzingetriebener Generator, der in einem Scott Tent steht. Diese Konstruktion wurde schon von Scott bei seinem Versuch benutzt, als erster Mensch den Südpol zu erreichen und wird heute noch nahezu baugleich eingesetzt. Gute Sachen sind halt schwer zu verbessern. Komplettiert wurde das Camp durch die sogenannte Tomate, eine rote Kunststoffkuppel, die sehr stabil ist und als Rückzugsraum bei Pausen dient. Sie hat darüber hinaus die Aufgabe, das Überleben eines Teams zu sichern, falls es einmal durch einen plötzlichen Bruch der Scholle längere Zeit auf sich selbst gestellt ist. Man darf bei der Eisarbeit nicht vergessen, dass man sich auf einem z. T. nur 50 cm dicken Extremlebensraum befindet, der durch das Südpolarmeer driftet. Das ist – 1,5 °C kalt und bis zu 6500 m tief. Die Temperaturen bewegen sich zwischen 0 und – 20 °C und der Wind weht mit bis zu 8 Windstärken. Für die gefühlte Temperatur bedeutet das extreme – 50 °C. Polarkleidung, Handschuhe, Augen- und Hautschutz sind überlebenswichtig.

Ein Beispiel für internationale wissenschaftliche Zusammenarbeit ist das Tauchteam. Geleitet wird das Team von Ulrich Freier aus Wittmund. Stellvertretender Tauchleiter ist Gernot Nehrke aus Bremerhaven. Weitere Forschungstaucher sind Sven Kerwath und Albrecht Götz aus Südafrika, Mathias Teschke aus Bremerhaven und Noyan Yilmaz aus Istanbul in der Türkei. Komplettiert wird das Team vom Tauchtechniker Borwin Schulze aus Neuss. Die Logistik des Tauchteams wird durch Lutz Auerswald aus Kapstadt in Südafrika unterstützt.

Für die Untereisarbeit des Tauchteams wurden Transektleinen vom Tauchloch zu verschiedenen Sicherheitslöchern gespannt, die mit Längenmarkierungen versehen waren. Diese wurden von den Tauchern mehrmals täglich abgetaucht, wobei das Leben unter dem Eis mit Kameras festhalten wurde. Die Taucher konnten dabei über ein Akustikkabel mit einem Teammitglied über Wasser kommunizieren und so punktgenau ihre Beobachtungen berichten. Diese Beobachtungen liefern wichtige Informationen über das Verhalten der Krilllarven, die auf das Meereis als Lebensraum angewiesen sind. So hat sich in dieser Woche herausgestellt, dass sich die Larven tagsüber direkt an der Grenze zwischen Wassersäule und Meereis befinden. Sie finden dort Nahrung, die aus Salzwasserkanälchen (Brine Channels) herausfließt. Die Nahrung besteht aus Kieselalgen und wahrscheinlich auch aus Bakterien, die sich vom Schleim der Kieselalgen ernähren. Die Larven bevorzugen dabei sogenannte „overrafted areas“. Das sind zerklüftete Regionen unter dem Meereis, die ihnen Schutz vor Räubern und Strömung bieten. In der Abenddämmerung verlassen die Larven das Meereis und lassen sich in die Wassersäule unter dem Meereis absinken. Sie fressen dort wahrscheinlich Zooplankton und sind fein verteilt für Räuber in der Nacht nahezu unsichtbar.

Die Taucher fingen außerdem Krilllarven mit einem MASMA. Das ist eine Wasserpumpe, die mit einem 50 m langen Schlauch versehen ist und die Larven in einen Edelstahlbehälter saugt, der mit einem engmaschigen Planktonnetz ausgestattet ist. An Bord von Polarstern konnten die Larven dann weiter untersucht werden (Größe, Larvenstadium, Ernährungszustand, Darminhalt). Außerdem werden an Bord mit den Larven Lichtexperimente durchgeführt um zu untersuchen, wie ihre „innere Uhr“ arbeitet und gesteuert wird.

Ich habe in dieser Woche tatkräftig beim Aufbau des Eiscamps mitgeholfen und das Tauchteam bei seinen Außeneinsätzen unterstützt. Außerdem habe ich für verschiedene Arbeitsgruppen Eiskerne gebohrt und geschmolzene Eisproben mikroskopisch untersucht. Zwischendurch habe ich Sicherheitsdienst auf der Brücke gehabt, wobei mit dem Fernglas die verschiedenen Arbeitsgruppen beobachtet werden. Außerdem muss die Eisscholle kontinuierlich beobachtet werden um bei plötzlich auftretenden Rissen die Außenteams rechtzeitig warnen zu können. Eine weitere Gefahr, insbesondere für das Tauchteam, können Seeleoparden darstellen. Das ist eine räuberische Robbenart, die Robben und Pinguine frisst und auch Menschen angreift. Bei jeder Sichtung von Tieren wurde deshalb sofort das Tauchteam und das ROV-Team mit dem Funkgerät informiert. Bei einem Nachttaucheinsatz ist dann auch plötzlich eine friedliche Krabbenfresserrobbe aus dem Tauchloch aufgetaucht und hat sich das DOMO Tent und das Tauchteam genauer angeschaut. Nachdem ihre Neugier befriedig war, ist sie dann nach etwa zwei Minuten wieder ganz ruhig abgetaucht und hat sich auf Nahrungssuche begeben. Da ist es schon wichtig, dass das Tauchloch Tag und Nacht mit einer Unterwasserkamera beobachtet wird und man so vor bösen Überraschungen geschützt ist. Die Robbe hatte sich in der Nacht zuvor schon mehrfach am Tauchloch gezeigt und wurde vom Bewegungsmelder der Kamera erfasst. So war diese Begegnung der dritten Art für alle Anwesenden, auch für mich, ein unvergessliches Erlebnis.

Schöne Grüße vom Rand des Weddellmeeres!

Torsten Nitsch

To be continued …